1. August 2008 und die spiessige Sehnsucht nach Normalität!
1. August 2008
Am Nationalfeiertag sind wir gerne “normale” Schweizer. Endlich haben wir ja auch einen “normalen” Nationalfeiertag, an dem wir nicht “zur Ehre des Vaterlandes” arbeiten müssen, sondern feiern und denken (!) könnten.
Unberücksichtigt bleibt, dass die Schweiz eine Ansammlung von Abnormalitäten und Minderheiten darstellt. Jede schön gepflegt und meistens auch als “Kantönligeist” denunziert. Es braucht immer besondere Anstrengungen, um auch die Tessiner und die “anderssprachlichen” Eidgenossen mit ins Schweizerboot zu hieven…
So etwas macht sich seit Jahren auch unter der “gay nation” breit. Einerseits versuchen internationale Schwulenorganisationen auch noch die Lesben, Transsexuellen und Gender-Personen zu vertreten, aber andererseits gibt es breite Kreise von Homosexuellen, die jetzt von ihren Rechten ausgehend, mit ihrem Geld und ihrer Promi… (nein nicht Promiskuität!) Prominenz eine “neue Normalität” verbreiten, die mit Reise- , Konsumfreudigkeit und Präsenz auf diversen öffentlichen Parkettveranstaltungen dafür Werbung machen! Und das ist doch auch gut so! Wer möchte da widersprechen?
“Liest man sich die jüngsten Leserbriefe von Schwulen (!) im Kölner Stadt-Anzeiger zum CSD in der Domstadt durch, so wird eine fast schon perverse Sucht nach Normalität deutlich. Da distanzieren sich Homosexuelle von ihren Artgenossen… Immer wieder klingt durch: “Wir sind doch ganz normal. Warum müssen andere Schwule nur so offen und provozierend auftreten und damit unserem Ruf schaden?” Oder noch kürzer: Wenn wir schön still sind, möglichst wenig auffallen, unseren Sex im Verborgenen praktizieren und uns genauso wie die Heteros verhalten, dann werden wir auch toleriert.” (Marc Kersten in Exit August 2008, S. 5)
Mann müsse doch wegen dem Schwulsein nicht gleich zum Aussenseiter werden, postete ein junger Schwuler kürzlich in einem Blog. Das stimmt sicher! Ich stelle aber vermehrt fest, dass viele bürgerlichen und jungen Homosexuellen zu “In(nen)seitern werden. Da gibt es Vereinigungen wie den “Völklinger Kreis” und andere “soziale Netzwerke”, die Insiderwissen gezielt auch wirtschaftlich nutzen wollen (besonders in der Reisebranche!). Da gibt es die Kontaktportale IM Internet und besonders die “geschützten Bereiche für Jugendliche” wie dbna.de
Sinn für das menschliche Leben macht aber nur die individuelle und kreativ herangewachsene Persönlichkeit: Heute offen schwule Fussballer, offen schwule Politiker, offen schwule Exponenten aus Wirtschaft und Kultur. Alles Bereiche, die als gesellschaftlich “potent” gelten. Vergessen sind da die Couturiers, die Ballettänzer und andere “traditionell schwule” Berufsgattungen. Seltsam, nicht?
Bei den Heterosexuellen wird Kreativität in der Fortpflanzung gepflegt. Grad heute las ich in der Zeitung von einem Musiker, der im Herbst “Vater werden wird”. Ich erinnere mich auch an einen Wahlkandidaten, der einmal anführte, er hätte x Söhne, x Enkelinnen und x Urenkel… Aber da schauen Schwule wohl in die Röhre? Jedenfalls ist bei den Heterosexuellen ihre “Sexualität” fast immer dabei, wo sie gesellschaftlich angezeigt (!?) erscheint. Das sind jetzt eigentlich nur die äussersten Ausläufer solcher normaler “heterosexueller Präferenzen”!
Da erstaunt es mich, von einem jungen Schwulen zu lesen, “Ich möchte mich als schwuler Mann nicht auf meine Sexualität beschränken lassen.” (Patrick Kremer, dbna.de)
Ja Herrgott, will der denn noch normaler sein, als die Normalen schon sind? Gefragt nach dem Stellenwert von schwulen Themen in den Medien:
“Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten: Welchen Stellenwert sollte schwul-lesbischen Themen denn zustehen? Wir sollten unsere Sexualität nicht zu wichtig nehmen, denn sie ist nur ein Bruchteil unseres Lebens und nichts, auf das wir uns reduzieren lassen sollten…”
Auf die Frage, wie hoch er das Interesse an schwulen Themen bei heterosexuellen Männern einschätze:
“Ich schätze es eher gering ein und finde das auch gar nicht tragisch. Ich möchte mich als schwuler Mann nicht auf meine Sexualität beschränken lassen. Vor diesem Hintergrund kann es für mich so etwas wie “schwule Themen” gar nicht geben, schliesslich sind wir nicht anders. Wir haben nur eine andere Sexualität.”
Das kann ich nicht unwidersprochen lassen! Das geringe Interesse der heterosexuellen Männer führt immer wieder in die Homophobie und die daraus resultierende Gewalt gegen schwule Jungs und Männer! So etwas kann ich nur als besonders tragisch bezeichnen! Vor allem, wenn ich bedenke, dass diese Männer sich besonders von dieser “anderen Sexualität” “provozieren lassen!”
Um noch etwas von dem Umfeld einfliessen zu lassen, in dem Patrick Kremer arbeitet: “Unser Magazin ist thematisch sehr speziell ausgerichtet und wird deshalb in der Regel nur von schwulen Jugendlichen gelesen. Hin und wieder wenden sich Eltern an uns, die Fragen haben…”
Ich möchte zurück kommen auf das heterosexuelle “Vater werden”! Heterosexuelle haben ihre Sexualität total auf das Wesentliche reduziert! Nämlich auf ihre Rolle als Eltern, Vater oder Mutter. Selten, dass Eheleute noch Liebespaar spielen (können) oder sonstwie romantisch auffallen (können)! Und dieses Wesentliche ist sprachlich zusätzlich “entsexualisiert”: Ein Kind bekommen, Eltern sein, in Erwartung sein, schwanger werden, Mutter werden, “in anderen Umständen” sein… In dieser entsexualisierten Familienkultur wachsen auch unsere Jungs auf!
Die aber haben so einen Durst nach personaler Sexualität aufgestaut aus ihrer Kindheit, dass sie fast überquellen vor Lust. Denn die körperliche Entwicklung wird nicht am 16. Geburtstag, um 0 h 00 auf Sex gestellt. Ja klar, die individuelle sexuelle Entwicklung ist sehr verschieden, aber ab einem gewissen Alter eine natürliche Gemeinsamkeit mit anderen Jungs. Das Stauproblem ist überigens kein moralisches, sonder ein natürliches, das aus einer “entsexualisierten” Kindheit heraus entsteht. Wissenschaftliche Forschungen erklären immer wieder, dass die körperlich-sexuelle Entwicklung dauernd nach unten sinkt - eben bis in die Kindheit. Aber ent-sexualisierte Eltern können sich sexuelle Bedürfnisse ihrer Kinder eben nur schlecht vorstellen. Und diese entwickeln ihre Sexualität in einer Art innerer Emigration. Ernest Bornemann, zu Unrecht spät als “Pädophiler” denunziert, hat anhand von Amtsakten aus der Kindheit und späteren Befragungen festgestellt, dass sexuelle Erlebnisse in einer Art “puberaler Amnesie” von Erwachsenen schlicht vergessen und verdrängt werden. (Aehnlich der Gewalterlebnisse in der Kindheit) Die Gründe dafür konnte er nicht erklären.
Ich erinnere mich an eine Bemerkung eines jungen Schwulen, der sich zu Anfang voll in sexuelle Abenteuer gestürzt hatte und nach einiger Zeit “die Nase - oder den Dödel - voll hatte”. Weil er sich trotz allem dabei nicht “richtig geliebt” gefühlt hatte. Eltern lieben ihre Kinder vor allem in Ausblendung von deren Sexualleben. Diese gespaltene Sexualkultur schlägt bei den Kindern an. Vor allem, wenn sie als Homosexuelle fast alle ihre Bedürfnisse verstecken mussten.
Daher scheinen mir zwei Dinge in dieser Diskussion von grosser Wichtigkeit:
Die Übernahme einer rigiden Sexualvorstellung, weil das eigene Erleben nicht mit der familiären oder gesellschaftlichen Wirklichkeit in Uebereinstimmung gebracht werden kann.
Und die verständliche Sehnsucht nach einer Normalität, in welcher man “trotz” seines faktischen Aussenseitertums von allen geliebt werden kann.
Das wird erreicht, indem man sich und seine Mitschwulen genauso systematisch entsexualisiert, wie es die Heterosexuellen untereinander tun, was ganz praktisch zur diktierten Kultur der “kindlichen Unschuld” passt. Das grosse Erlebnis, um seiner selbst und seiner Sexualität willen “erkannt” und als “Mann” angenommen worden zu sein, verblasst schnell wieder und baut die Mauer auf, die wieder in gespaltenes Denken und Schuldbewusstsein hinein führt. Da gibt es keine schwulen Jugendgruppen oder überhaupt Gruppen mehr, die mit gemeinsamen Diskussionen solches auffangen oder aufhalten könnten. Das führt logischerweise zu gleichem kritischem Verhalten, wie es die Heterosexuellen traditionell gegenüber den Schwulen pflegen: Zu sexuell, zu vulgär, zu promisk… Also zur Gleichmacherei!
Wie schaffe ich jetzt wieder den Dreh zum Nationalfeiertag? Das Wort Nation ist sinnesverwandt mit nascere (span. Nacion), also gebären, nato = geboren (Renato = der Wiedergeborene) Doch statt zu gebären hat uns übertriebener Nationalismus in der Geschichte fast nur das Töten und unzählige Tote gebracht. Wie sinnig! Der Ursprung dieses Wortes wurde ent-sexualisiert, wie üblich. Ein entsexualisierter Mensch wird blass und scheintot!
Heutzutage wird mit Nationalem nicht mehr von kleinen Aussenseitern Politik gemacht! (SD, VA, Volk + Heimat, etc.) Eine etablierte Volkspartei fühlt sich verpflichtet, damit unsere Schweiz zu erretten. “Normalität” wiederherzustellen. Das Klischee von der Schweiz, das wir selber so oft belächelt, politisch aufzufüllen und wieder ernstzunehmen, statt es mit vielfältig Lebendigem aufzufüllen!
Wir haben auf nationaler Ebene das e.Partnerschaftsgesetz eingeführt. Das sollte wohl die Homosexualität “norm(alis)ieren” und hat sie ja auch durch eine Volksabstimmung (weltweit einzigartig) “mehrheitsfähig” gemacht. Sollen wir jetzt auch daran gehen, dieses Gesetz durch “akzeptantes” Verhalten und Erscheinen ehelich aufzufüllen?
Wo bleibt aber dabei der “Föderalismus der Schwulen”? Wieso können sich nicht mehr als zwei Männer verpartnern? Ich vertrete hier nicht ein Aussenseitertum als politische Alternative, sondern eine individuelle Kreativität, die sich nicht an der Allgemeinheit orientiert (Gleichmacherei), sondern an den vielen Talenten und Tugenden, die auch Schwule mitbekommen haben, oder erst dadurch richtig entwickeln können! Wie war doch die bürgerliche Gesellschaft stolz, wenn ihre Handwerker in die Welt hinauszogen, Erfahrungen als “Ausländer/Aussenseiter” sammelten und diese dann gewinnbringend zuhause investierten?!
Wieso können wir nicht stolz auf eine Vielfalt von Schwulen sein, die ihre soziale Kreativität in der heterosexuellen Gesellschaft investieren, dank ihrer “anderen Sexualität”, aber auch MIT ihr? Ach, das könnten doch Heterosexuelle auch? Na, wie denn ohne Kinder- und Familienzulagen, ohne Teilzeitarbeit und Weiterbildung? Und warum tun’s diese denn nicht häufiger?
Zum Schluss nochmals Marc Kersten im Editorial von Exit 8′08: “Im Nachhinein scheinen mir die Warnungen vom links-alternativen Spektrum gar nicht mehr so abwegig, die Homo-Ehe sei ein trojanisches Pferd. Der Druck auf all jene Schwule, die nicht in traditionellen Paarbeziehungen leben (wollen) werde durch sie nur noch grösser. Damals habe ich nur verständnislos den Kopf geschüttelt. Vielleicht aber lag ich damit falsch…”
Peter Thommen, Schwulenaktivist (58), Kandidat 2008 für den Grossrat Basel
Link zum Interview mit Patrick Kremer
Link zu Marc Kersten, Exit
Literatur-Tipp: Mosse, George L.: Nationalismus und Sexualität, Bürgerliche Moral und sexuelle Normen, re 448, 1985 (vergr. > www.zvab.de antiq.)